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Der Mannheimer Morgen berichtet am 14.05.18 über die SEEKUH in Hongkong

Seekuh räumt Weltmeere auf

Umwelt Verein will Plastik aus Ozeanen fischen / In Hongkong kümmern sich Ludwigshafener Ulli und Holger Borchert um das Projekt

Ludwigshafen/Hongkong.In den Weltmeeren schwimmen geschätzte 140 Millionen Tonnen Plastikmüll. Die „Seekuh“ soll ihn „weggrasen“. Das zumindest ist die Idee des Vereins „One Earth – One Ocean“. Die Seekuh ist ein Schiff in Katamaran-Form, zwölf mal zehn Meter groß, das in Buchten, Flussmündungen und entlang von Küsten Tüten, Flaschen und Folien aus dem Wasser fischen soll. Zwischen den beiden Rümpfen hängen speziell entwickelte Netze, die den Müll in bis zu vier Metern Tiefe einsammeln können. „Eine Seekuh reicht aber nicht, wir bräuchten 5000, um das Problem zu beseitigen“, sagt Holger Borchert. „dann wären in zehn Jahren die Meere wieder sauber.“

„One Earth – One Ocean“ wurde 2011 vom deutschen Unternehmer und Freizeitsegler Günther Bonin gegründet. Holger Borchert und seine Frau Ulli vertreten den Verein in Hongkong. Ulli Borchert stammt ursprünglich aus Frankenthal, Holger Borchert aus Ludwigshafen. „Ich bin geborener und 100-prozentiger Pfälzer“, sagt Borchert – obwohl er bereits seit Jahrzehnten in Asien unterwegs ist. Seit sieben Jahren leben die Borcherts auf der Insel Lantau. Holger Borchert ist selbstständiger Unternehmer, doch seine Leidenschaft und Zeit gilt nun vor allem der Beseitigung des Plastikabfalls.

Der Stapellauf der Seekuh war 2016 in Lübeck, erstmals aktiv zum Einsatz kommt die schwimmende Müllabfuhr in diesem Frühjahr in Hongkong. „Das Schiff hat den Vorteil, dass es flexibel einsetzbar ist. Es kann auseinandergeschraubt, in Container verpackt und an die Orte verschifft werden, wo es aufräumen soll“, so Borchert.

Keine Recyclinganlagen

„Aber warum ausgerechnet Hongkong?“, will eine Schülergruppe wissen, die zum Hebe Haven Yacht Club in Sai Kung gekommen ist, um die Seekuh zu betrachten. Weil Hongkong ein Müllproblem hat, wie Borchert erklärt. „Viele Länder in Asien verfügen über keine oder nicht genügend Recyclinganlagen, die Abfälle landen unsortiert auf den Müllkippen oder einfach auf der Straße, werden in Flüsse geworfen und schwimmen von dort ins Meer.“

Tatsächlich kommt der Bau einer Müllverbrennungsanlage in Hongkong, der Mega-Metropole am Perlflussdelta, seit Jahren nicht voran. Die Müllkippen quellen über, schon bald wird dort kein Platz mehr sein. In den Nachbarländern sieht es ähnlich aus. Laut einer Studie der „Ocean Conservancy“ stammt 60 Prozent des Plastikmülls in den Ozeanen aus fünf Ländern: China, Indonesien, den Philippinen, Thailand und Vietnam.

Wie lange die Plastikbecher, -flaschen, -tüten in den Ozeanen umherschwimmen, will Borchert von den Schülern wissen. „Lange“, sagen die. „Sehr lange“, sagt Borchert. „bis zu 450 Jahre.“ Das, was nicht an Land gespült wird, treibt als gewaltiger Plastikstrudel in den Weltmeeren. Von diesen Müllhalden gibt es mehrere, der größte Müllstrudel zwischen Hawaii und Kalifornien umfasst die vierfache Fläche von Deutschland. Im Jahr 2050 werden – gemessen am Gewicht – genauso viele Plastikabfälle im Meer schwimmen wie Fische.

Eine Mission von „One Earth – One Ocean“ ist darum auch, überhaupt ein Bewusstsein für das Problem zu schaffen. „Bevor die Seekuh nach Hongkong transportiert wurde, haben wir mit vielen Leuten gesprochen. ‚Wieso Plastikmüll – wir haben hier kein Müllproblem’, haben uns manche gesagt“, erzählt Ulli Borchert. Von Hongkong aus wird die Seekuh weiter nach Singapur und Jakarta (Indonesien) fahren; später folgen Manila (Philippinen) und das Mekong-Delta (Vietnam).

Damit ist die Mission jedoch nicht beendet. Denn das „Abgrasen“ des Mülls wird nicht reichen. „Was passiert mit dem ganzen Plastik, wenn er in den Netzen ist?“, wollen die Kinder wissen, als sie endlich auf die Seekuh steigen dürfen. Holger Borchert deutet auf die gelben Mülltonnen an Bord. „Noch haben wir keine andere Möglichkeit, als die Abfälle auf der Müllkippe zu entsorgen“, sagt Borchert. Langfristig will „One Earth – One Ocean“ eine unabhängige maritime Müllabfuhr aufbauen. Schiffe – genannt „Seefarmer“ – sollen die vollen Netze von den Seekühen einsammeln und zu den „Seeelefanten“ transportieren, wo das Plastik in einer Verölungsanlage in schwefelfreies Heizöl verwandelt wird. „Das kann dann verkauft oder für den Antrieb der Schiffe genutzt werden.“ Um das zu realisieren, braucht der Verein vor allem eines: Geld. „Die Investitionen sind jedoch vergleichsweise gering“, so Borchert, „jede Finanzkrise kostet ein Hundertfaches.“



Mannheimer Morgen: Seekuh räumt Weltmeere auf

14. Mai 2018