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In den Weltmeeren treiben riesige Mengen Plastikabfall. Verschiedene Techniken sollen diesen schwimmenden Müll bald wieder einsammeln.

von Roland Knauer, Spektrum.de, 31.05.2016


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Noch mehr technische Ansätze

Hier wollen Günther Bonin und die von ihm gegründete Organisation One Earth – One Ocean ihre Netze für Plastikmüll ausbringen. Ähnlich wie Boyan Slat ist auch Günther Bonin kein Profi in Sachen Meereswissenschaften oder Plastikmüll, als er im Jahr 2009 vor der nordamerikanischen Pazifikküste durch ein Meer an Kunststoffen segelt. „Als ich nach der Reise herausfand, dass sich niemand um die Müllabfuhr in den Ozeanen kümmert, hat es bei mir ‚klick!‘ gemacht“, erinnert sich der Inhaber einer Informationstechnologiefirma. Danach tüftelte er Möglichkeiten aus, den Plastikabfall aus dem Wasser zu fischen, und gründete 2011 One Earth – One Ocean. Anders als Slats Großprojekt setzt er zu Beginn auf kleinere Maßnahmen.

Die kleinste Einheit nennt Bonin „Seehamster“. Ein Prototyp hat bereits 2012 Plastik aus Binnengewässern und Binnenmeeren wie der Ostsee geholt. Das Ganze ist ein kleiner Katamaran mit zwei jeweils vier Meter langen Schiffsrümpfen, die nicht viel mehr als schwimmende Zylinder sind. Dazwischen hängt ein Rahmen mit einem Netz, dessen Maschen ein Zentimeter groß sind. Seehamster dieser Bauweise fahren mit kleinen Elektromotoren, können aber auch von Booten geschleppt werden. Sie können ebenso an einer Flussmündung verankert werden und dort den vorbeischwimmenden Plastikmüll aufsammeln. 2015 war bereits die dritte Generation des Seehamsters unterwegs.

Eine Nummer größer ist die „Seekuh“, die momentan gebaut wird. „2017 und 2018 soll dieses Arbeitsboot auf Tournee gehen und in verschiedenen Gewässern erprobt werden“, erklärt Bonin. Genau wie der Seehamster ist auch die Seekuh ein Katamaran. Allerdings sind die beiden Rümpfe zwölf Meter lang und liegen zehn Meter auseinander. Im Zwischenraum werden zwei Netze mit 2,5 Zentimetern Maschenweite gespannt, die drei oder vier Meter tief ins Wasser tauchen. Die Seekuh hat zwei Antriebe, die im Prototyp konventionell sein werden, später aber durchaus Sonnen- und auch Windenergie nutzen könnten. Damit beschleunigt das Arbeitsboot auf zwei Knoten und erreicht so das Tempo eines Fußgängers. Diese niedrige Geschwindigkeit spart nicht nur Energie, sondern gibt den größeren Lebewesen im Wasser die Chance auszuweichen, während kleinere Organismen durch die Maschen der Netze passen.

Auf dem Deck steht ein Häuschen, in dem ein Wissenschaftler mit einem Infrarotspektrometer den Müll unter die Lupe nimmt und so ermitteln kann, welchen Kunststofftyp die Seekuh aus dem Wasser fischt. Bewährt sich das Konzept, könnte die Besatzung wegfallen, und nicht nur eine einzige, sondern gleich ganz viele Seekühe könnten automatisch an der Küste navigieren und dabei Müll aufsammeln. Dabei denkt Günther Bonin zum Beispiel an die Bucht von Rio de Janeiro, aus der jeden Tag rund 150 Tonnen Kunststoff in Richtung offener Atlantik treiben. Da sie auf einer Fahrt nur zwei oder allenfalls drei Tonnen Plastik aus dem Wasser fischen kann, braucht man für einen spürbaren Effekt jedoch einige dieser Arbeitsboote.

Ist ein Netz voll, hängt die Seekuh Bojen daran, übermittelt die Position an eine Zentrale und lässt das Ganze dann im Meer treiben. Dorthin fährt ein weiterer Katamaran, den Bonin aus gutem Grund „Seefarmer“ nennt: „Er bringt die Ernte ein und fährt sie in die Scheune“, erläutert er. Diese „Scheune“ steht nicht an Land, sondern schwimmt auf dem Wasser und heißt „Seeelefant“ – ein Tanker mit der für solche Schiffe heutzutage üblichen doppelten Schiffswand. An Bord wird der eingesammelte Plastikmüll sortiert und anschließend auf mehrere hundert Grad Celsius erhitzt. Die Masse verflüssigt sich und kann so in schwefelfreies Heizöl umgewandelt werden, das an Bord in Tanks gelagert wird. 20 bis 30 Prozent des so gewonnenen Treibstoffs verbrennt der Seeelefant für seinen eigenen Betrieb. Den Rest verkauft er an Schiffe, die seine Route kreuzen, und finanziert mit dem Erlös einen Teil seiner Kosten. Übrig bleibt bei diesem Prozess allerdings auch Kokskohle, die später an Land entsorgt werden muss.

Inzwischen hat Günther Bonin ausgerechnet, dass zwei Angestellte an einem Tag mit den Seefarmern 200 Tonnen Plastikmüll einsammeln und zum Seeelefanten bringen können. Da er nach eigenen Angaben bereits heute eine Tonne Plastikmüll für 100 Euro verkaufen kann, könnte sich diese Sammelaktion langfristig sogar lohnen. Martin Thiel setzt dennoch weiterhin darauf, das Einsammeln auf lange Sicht überflüssig zu machen: „Wir müssen einfach die Quellen verstopfen und verhindern, dass Kunststoffe unkontrolliert in die Umwelt und damit letztendlich ins Meer gelangen“, meint der deutsche Meeresbiologe. Das wäre vor allem deutlich billiger. Selbst dazu hat Bonin bereits eine Idee: „Wir könnten natürlich den Menschen in Südostasien einen kleinen Betrag für jedes Kilogramm Plastikabfall bezahlen, das sie uns geben und das so nicht in die Umwelt gelangt“, überlegt er. Das wäre noch billiger und effektiver als jede Sammelaktion auf dem Meer.



Kehrwochen im Ozean

1. Juni 2016

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